Nicht Ohne... Avon Tyres
By: Text: Bertie Simmonds; Fotos: John Noble (mit freundlicher Genehmigung von Avon Tyres)
Seit 100 Jahren stellt das britische Unternehmen Avon Tyres Reifen her und bestückt unsere Klassiker mit den wertvollen Pneus.
Wenige Unternehmen sind in der Lage ihren 100. Geburtstag zu feiern, aber wie es scheint sind diverse Reifenhersteller mit einem biblischen Alter gesegnet. Nehmen Sie zum Beispiel Dunlop. Die Firma wurde 1889 gegründet, ein Jahr nachdem John Boyd Dunlop den Pneu erfunden und sich hatte patentieren lassen. In demselben Jahr schritten die Brüder André und Edouard ebenfalls zur Tat und riefen Michelin ins Leben. Die französische Firma genießt noch heute einen ausgezeichneten Ruf unter den Reifenherstellern.
Einige Jahre zuvor machten die Herren Brown und Margeston im Jahr 1885 in Melksham an den Ufern des Flusses Avon im südenglischen Wiltshire aus einer Tuch- eine Gummifabrik. Mit dem Herannahen des 20. Jahrhunderts experimentierte die Avon Rubber Company mit verschiedenen Arten und Weisen, ihre Kompetenz zu nutzen. Die Herstellung von Pneus für eine brandneue Erfindung – das Automobil – erschien dabei am zukunftsträchtigsten. Bis 1901 wurde der erste Luftreifen produziert und ein Jahrzehnt später begann Avon mit der Herstellung von Pneus für Zweiräder. Es sollte allerdings nicht bei Reifen für Autos und Motorrädern bleiben. 1910 stieg das Unternehmen in die Produktion von Golfbällen ein. Kurze Zeit später verließ die erste Fuhre das Firmengelände. Nach einigen Jahren wurde dieser profitable Geschäftszweig an Dunlop verkauft, das die kleinen, harten, weißen Bälle heute noch produziert.
Auch während der beiden Weltkriege hatte der britische Reifenhersteller alle Hände voll zu tun. Im Ersten Weltkrieg produzierte Avon Reifen für Transportmaschinen für die Artillerie und im Zweiten Weltkrieg stellten seine 2500 Mitarbeiter am Firmenstandort Melksham mehr als 20 Millionen Gasmasken her. Die Gasmaskenproduktion wurde bis 1960 fortgesetzt, dann konzentrierte man sich in erster Linie auf Auto- und Motorradreifen, obwohl die Briten auch Tennisbälle, Schuhe und bis zu 5000 Gummistiefel im Jahr anfertigten.
Beim Rennsport auf zwei Rädern machte sich Avon als Erfolgsmarke mit Fahrern wie Geoff Duke, John Surtees und Mike Hailwood, die auf seinen Reifen viele Siege einfuhren, einen Namen. Mit Beginn der 1970er Jahre erzielte sogar ein junger Barry Sheen Erfolge mit der Marke.
Wir machen einen Sprung in die Gegenwart und heute gehört Avon zur Cooper Tire and Rubber Company, die im amerikanischen Ohio ansässig ist. Und obwohl es natürlich schade ist, dass sich dieses Traditionsunternehmen nicht mehr in britischer Hand befindet, wurde die historische Marke am Leben erhalten und floriert heute sogar.
Graham Matcham, Global Motorcycle Sales Manager bei Avon, informiert uns: „Avon Tyres geht es wirklich gut. In 2009 verzeichneten wir eine Umsatzsteigerung von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr – und das in einem Markt, der ständig schrumpft. Ein großer Teil dieses Erfolgs hat mit klassischen Bikes und Youngtimern zu tun. 2010 wurden von dem populären Roadrider-Reifen 16,5 Prozent mehr als in 2009 verkauft: Ich glaube, das zeigt wieviel mehr Motorräder aus den 1970er bis 1990er Jahren heute auf den Straßen bewegt werden.
Es ist interessant, in welche Richtung sich der Markt zu entwickeln scheint. Statt neue Bikes zu kaufen, fahren Motorradfans verstärkt ältere Maschinen. Vielleicht hat es etwas mit den Preisen von neuen Maschinen zu tun? Oder vielleicht transportieren sie ihre alten Bikes nicht mehr auf dem Hänger zu Motorradausstellungen, sondern fahren stattdessen damit? Das Publikum schätzt Klassiker mehr als früher und bessere Reifen helfen natürlich dabei, auch die Performance von Youngtimern zu verbessern, so dass sie sich eher wie moderne Maschinen fahren.“
Avon Tyres feiert dieses Jahr stolz sein hundertjähriges Bestehen sowie die Herstellung von Motorradreifen und es ist erfreulich, dass das Know-how, das sich das Unternehmen in den 100 Jahren seines Bestehens erarbeitet hat, auch heute auf dem Markt noch eine Rolle spielt.
Pete McNally ist Produktmanager bei Avon Tyres. Er ist seit 24 Jahren für das Unternehmen tätig. Die ersten zehn Jahre verbrachte er in der Rennsportabteilung, wo sein RZF/RZR-Reifen viele Supersport-400/600-Meisterschaften gewann. Seitdem war er an der Entwicklung sämtlicher Straßenreifen bei Avon seit 1995 beteiligt und ist einer der führenden Experten zum Thema Motorradreifen in Großbritannien. „Mit den Jahren“, erklärt er nicht ohne Stolz, „hat Avon viele verschiedene Technologien auf den Markt gebracht. Darunter umgekehrte Profilnuten (Inverted Front Grooves) – die Nuten lassen keinen gestuften Verschleiß zu – die seidenweiches Handling während der gesamten Lebensdauer des Reifens gewährleisten. Avon entwickelte diese Technologie in den späten 1980er Jahren, und sie wurde seitdem von vielen Konkurrenten kopiert.
Avon entwickelte auch die A-VBD-Technologie (Advanced-variable Belt Density), ein fugenloser Verband aus extra-starken Stahl- oder Aramid-Strängen, die um den Umfang des Reifens gewickelt werden. In der Mitte liegen die Stränge eng zusammen, aber an der Reifenschulter weiter auseinander und verleihen dem Pneu so die Charakteristik eines Multi-Layer-Compound-Reifens mit einer härteren Mitte und einem weicheren Rand. Avon hat außerdem RF oder „Reactive Footprint“ entwickelt, eine Kontaktfläche, die Form und Größe je nach Schräglage verändert. Das heißt, die Fläche vergrößert sich, wenn Sie sich in die Kurve legen was zu besserer Haftung führt. Avon versucht alle seine Technologien – von denen es inzwischen etliche gibt – für eine bessere Performance des Reifens zu kombinieren.“
Pete war an der Entwicklung der meisten aktuellen Avon-Straßenreifen beteiligt – vom Viper Stryke für Motorroller, Distanzia und Gripsters für Sportbikes und der VP2-Serie für Supersport-Maschinen für die Rennstrecke und dem berühmten Storm 2 Ultra für sportliche Touringbikes.
Wenn Sie ein Spezialhersteller sind, der nach dem Motto je größer desto besser verfährt, dann greifen Sie vermutlich auf Avon Venom oder Cobras zurück. Der Sieger der Weltmeisterschaft im Bike Building von 2009 gewann auf Avon Pneus. Spezialhersteller Dave Cook und seine Rambler Bikes holten den Titel mit Cobra-Reifen. Andere atemberaubende Maschinen laufen ebenfalls mit Avons, darunter Allen Millyards Viper V10. Dieses 500-PS-Biest mit acht Litern Hubraum erreichte mehr als 320 km/h in den Händen von Testfahrern – ausgerüstet mit Avon-Venom-Reifen.
Während sich Avon inzwischen nicht mehr an Wettbewerben auf zwei Rädern beteiligt, kann sich das Unternehmen Siege bei 13 Supersport- und vier Production-Class-Meisterschaften mit Fahrern wie Phillip McCallen, Jim Moodie, Ian Simpson und Mike „Spike“ Edwards auf die Fahne schreiben – vermutlich mit Petes RZF/RZR Supersport Reifen. McCallen holte außerdem einen Sieg mit Avon auf der TT auf der Isle of Man in der Production- und 600-cm3-Klasse. Außerdem hatte der Reifenhersteller auch jede Menge Erfolge auf drei Rädern zu verzeichnen. Der Letzte liegt nur zwei Jahre zurück: 2009 gewannen Seitenwagen-Ass Dave Molyneux und Beifahrer Dan Sayle auf Avon die TT auf der Ilse of Man. „Molly“ konnte mit seinem Suzuki-Gespann die Zahl seiner Siege bei der TT auf 14 erhöhen.
Aber wie steht es um den Klassikermarkt, denn dort liegt Avons Hauptinteresse, oder? Denken Sie nur an den guten, alten Motorradhändler. Er muss viele Marken in vielen Größen auf Lager haben, also versuchte Avon dem Händler hier unter die Arme zu greifen, indem es seine populäre Diagonalreifen-Serie Roadrider einführte. Dieses Modell passt auf eine Reihe von alten und neuen Motorrädern. Avon stellte sie alle mit demselben Geschwindigkeitsindex V her und vereinfachte die Sache dann noch mehr, indem das Unternehmen eine Reihe von Universalgrößen (universal fitments) anfertigte. Der Händler muss also weniger Pneus auf Lager haben, kann aber trotzdem eine Reihe von Modellen bestücken darunter auch Suzukis frühe GSX-R. Den Händlern gefiel das natürlich, was vermutlich auch die gestiegene Auftragslage erklärt.
Wie wird ein Reifen eigentlich hergestellt? Die ersten Schritte bestehen unter anderem aus Compounding und Mischen. Zunächst werden Naturkautschuk, synthtischer Gummi und eine Reihe chemischer Substanzen geschmolzen und vermischt – ein Vorgang, der auch als Compounding bezeichnet wird. Die genauen Mengen der verschiedenen Substanzen hängen vom späteren Verwendungszweck ab, zum Beispiel ob der Gummi für Lauffläche oder Seitenwand eingesetzt wird. Mittels einer Saugvorrichtung wird die Mischung auf ein Laufband befördert und dort von einem Fachmann bearbeitet. Das Gewicht muss bis auf ein oder zwei Kilo genau stimmen. Wie ein Metzger schneidet der Facharbeiter Scheiben herunter bis das Material genau das richtige Gewicht hat. „Die Maschine wählt die Chemikalien aus, der Bediener folgt den Anweisungen des Geräts. Die Materialien sind oft in eine dünne Plastikfolie eingefüllt, die bei 140 bis 160 Grad Hitze verbrennt. Dann werden die verschiedenen Materialien vermischt und geschmolzen. Die Gummimischung wird zu einem Rührwerk befördert und von einer Ausrollmaschine in Platten gewalzt und mit Gebläsen abgekühlt. Die Gummiplatten werden dann auf Paletten zur weiteren Bearbeitung gelagert.“
Wenn Sie das an die Herstellung von Gebäck erinnert, dann liegen Sie ganz richtig. Verschiedene Materialien und verschiedene Bearbeitungsmethoden produzieren Produkte mit unterschiedlichen Eigenschaften. Der nächste Prozess, dem die Gummiplatten unterzogen werden, hat Ähnlichkeit mit dem Kneten von Teig. „Jetzt wird die Gummimischung mastiziert“, sagt Paul Lampard, „und zwischen zwei 100 Kilo schweren Rollen hindurchgepresst. Der Spalt zwischen den Rollen ist vier bis fünf Millimeter breit. Das ist ein bisschen wie Wäsche in die Mangel zu nehmen, davon abgesehen, dass es die Struktur des Gummis erneut verändert.“
Anschließend wird das Material je nach Verwendungszweck sortiert und dann findet dann das „Calendaring“ statt. Die Gummimischung wird in eine dünne Form gepresst in der Schnüre ausgelegt sind. Jetzt beginnt der eigentliche Prozess der Reifenherstellung in dessen Verlauf die verschiedenen Bestandteile des Pneus wie die Wülste und die Lauflächenmischung auf der Reifenaufbaumaschine zusammengefügt werden. Es werden unterschiedliche Maschinen sowohl für Diagonal- und Radialreifen eingesetzt. Avons neueste Reifenaufbaumaschine für Radial-Pneus beschleunigt den Produktionsprozess gewaltig: Ein Reifen kann dank dieses Geräts in der halben Zeit hergestellt werden.
Inzwischen nimmt der Reifen Gestalt an und es ist jetzt an der Zeit, das gute Stück zum Aushärten in eine Form zu pressen. Das profillose Werkstück wird in der Form untergebracht und mit 180 Grad heißem Dampf bei einem Luftdruck von 21 bar gegen die Metallwände gepresst. Dieser Prozess, in dessen Verlauf der Pneu seine endgültige Form annimmt, wird auch „Curing“ genannt. Die Hitze sorgt dafür, dass die verschiedenen Materialien eine feste Verbindung eingehen. Das (fast) fertige Produkt wird dann von überschüssigem Gummi befreit und auf seine „Uniformität“ getestet, sprich ob es auch wirklich rund ist.
Die Reifen werden oft stichprobenartig aus der Fertigungsstraße genommen und Tests unterzogen. Während unseres Besuchs in Melsham wurden wir Zeugen eines Härtetests eines Storm 2 Ultra Vorderreifens – das Modell für sportliche Tourer. Im Verlauf dieses Prozesses kommt der Reifen drei Tage lang bei verschiedenen Geschwindigkeiten pausenlos zum Einsatz. Es ist faszinierend zu beobachten, wie aus dem Naturkautschuk der fertige Pneu wird. 1000 Motorradreifen werden täglich bei Avon Tyres hergestellt und es ist beruhigend zu wissen, dass dies seit 100 Jahren an diesem Ort der Fall ist. Avon Tyres ist eine fantastische Mischung aus Architektur aus dem 19. Jahrhundert und State-of-the-Art-Technologie. Auf die nächsten 100 Jahre!
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